Porträt von Markus Mildner von Siemens für die Reihe IAA VOICES.
Markus Mildner, CEO von Siemens eMobility

Können Sie sich, Ihre Rolle und Ihr Unternehmen kurz vorstellen?

Ich bin Markus Mildner, CEO von Siemens eMobility, und verantworte das weltweite Geschäft von Siemens mit Ladeinfrastruktur. Wir bieten Hardware, Software und Services an und können gleichzeitig auf die umfassende Expertise von Siemens in Bereichen wie Energieverteilung, Netzanschlüsse und intelligente Infrastruktur zurückgreifen.

Wir haben heute bereits mehr als 20.000 DC-Ladestationen in über 800 Projekten weltweit installiert.

Mich persönlich treibt an, dass eMobility einen ganz konkreten Beitrag leistet: Sie kann dazu beitragen, Emissionen, Lärm und die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren und gleichzeitig sauberere und lebenswertere Städte zu schaffen. Zugleich geht mit ihr eine wirtschaftliche Transformation einher, und ich möchte dazu beitragen, dass dies alles in der Praxis gelingt.

Markus Mildner
CEO von Siemens eMobility

Was bedeutet der Slogan der IAA TRANSPORTATION „We Deliver“ für Sie?

Für mich bedeutet „We Deliver“ vor allem Umsetzung. Wir sprechen schon lange über die notwendige Veränderung, aber im Nutzfahrzeugbereich zeigt sich echter Fortschritt daran, wie es auf der Straße und im Depot tatsächlich funktioniert.

Flottenbetreiber benötigen zuverlässige Ladeinfrastruktur, eine hohe Fahrzeugverfügbarkeit, planbare Kosten und Lösungen, die mit ihrem Geschäft wachsen können. „Deliver“ heißt deshalb, über Pilotprojekte und einzelne Produkte hinauszugehen. Es bedeutet, Hardware, Software, Energiemanagement und Services so miteinander zu verbinden, dass sie jeden Tag zuverlässig funktionieren.

Was erwarten Sie von der IAA TRANSPORTATION 2026, und worauf freuen Sie sich am meisten?

Ich freue mich auf sehr offene und praxis- bzw. lösungsorientierte Gespräche. Die Frage ist nicht mehr, ob der Schwerlastverkehr elektrisch wird. Die Frage ist, wie wir die Transformation schneller, wirtschaftlich tragfähig und skalierbar gestalten.

Ich möchte erfahren, was bei Flotten- und Depotbetreibern bereits gut funktioniert, wo sie noch Herausforderungen sehen und wie die Branche diese gemeinsam lösen kann. Die IAA ist so wertvoll, weil Kunden, Fahrzeughersteller, Energieunternehmen, Technologieanbieter, politische Entscheidungsträger und viele weitere Partner an einem Ort zusammenkommen. Genau dieses Ökosystem brauchen wir.

Welche konkreten Themen oder Innovationen werden Sie auf der IAA TRANSPORTATION 2026 präsentieren?

Unser zentrales Thema lautet „Charging beyond hardware“. Im Mittelpunkt unseres Auftritts steht SICHARGE FLEX, unser dezentrales Ladesystem für das Megawatt-Zeitalter. Es trennt die Leistungseinheit vom Ladepunkt, sodass eine zentrale Einheit mehrere Dispenser dynamisch versorgen kann.

Das System unterstützt CCS und MCS und bietet skalierbare Leistungsstufen von 480 Kilowatt bis zu 1,68 Megawatt. Diese Flexibilität ist besonders in Depots wertvoll, wo Standortlayout, Fahrpläne, Standzeiten und Netzanschluss zusammenspielen müssen.

Doch die Hardware ist nur ein Teil der Lösung. Mit unseren Softwarelösungen wie Sifinity Control und Depotfinity sowie unserem Serviceangebot verbinden wir Monitoring, Steuerung, Diagnose, Wartung und operative Planung. Das Ergebnis ist ein Gesamtsystem, das auf Verfügbarkeit, effiziente Energienutzung und langfristige Skalierbarkeit ausgelegt ist.

In welchem Bereich des Transport- und Logistiksektors sehen Sie das größte Potenzial, und wo besteht der dringendste Verbesserungsbedarf?

Das größte Potenzial liegt eindeutig bei großen Nutzfahrzeugflotten und Depots. Diese Fahrzeuge folgen klar definierten Einsatzmustern und können einen starken wirtschaftlichen Business Case für die Elektrifizierung bieten, wenn das Gesamtsystem richtig geplant wird.

Der dringendste Verbesserungsbedarf liegt in der Koordination. Zu oft werden Fahrzeuge, Ladeinfrastruktur, Netzkapazität, Energieversorgung, Depotprozesse und Software noch als getrennte Projekte behandelt. Das sind sie nicht. Der Zweck eines Lkw ist es, Güter zu transportieren. Deshalb muss sich das Laden an den Betrieb anpassen und nicht umgekehrt.

Wir brauchen von Anfang an eine integrierte Planung, bei der Gesamtbetriebskosten, Resilienz und zukünftiges Wachstum bereits im Konzept berücksichtigt werden.

Eine häufig unterschätzte Chance liegt in der Rolle, die elektrische Flotten bei der Unterstützung des Energiesystems spielen können. Ja, Elektrofahrzeuge benötigen Strom. Plant man das Laden jedoch smart, können sie auch dazu beitragen, Lastspitzen zu reduzieren und vorhandene Netzkapazitäten effizienter zu nutzen.

Die Standzeiten der Fahrzeuge in den Depots schaffen enorme Flexibilität. Indem Ladevorgänge auf den richtigen Zeitpunkt verlagert werden, können Betreiber Kosten senken, ihre Anlagen besser auslasten und gleichzeitig das Netz entlasten. Damit ist Elektrifizierung nicht nur eine Mobilitätslösung, sondern auch eine Energielösung.

Die IAA TRANSPORTATION ist die weltweit führende Plattform für Nutzfahrzeuge, Transport und Logistik und bringt Innovatoren aus allen Bereichen der Mobilität zusammen. Mit wem möchten Sie im kommenden September ins Gespräch kommen, und warum?

Ich möchte mit Flotten- und Depotbetreibern sprechen, denn ihre betriebliche Realität muss die Grundlage für alles sein, was wir tun. Darüber hinaus möchte ich mich mit Lkw- und Busherstellern, Energieversorgern, Netzbetreibern, Logistikunternehmen, Ladeinfrastrukturbetreibern, Planungsexperten und politischen Entscheidungsträgern austauschen.

Die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs ist kein Produkt, das ein Unternehmen allein liefern kann. Interoperabilität, Netzzugang, Genehmigungen, Installation, Finanzierung, digitale Steuerung und Service müssen zusammenkommen.

Mein Ziel ist es, aus diesen Gesprächen konkrete Partnerschaften entstehen zu lassen, die die Komplexität für Kunden reduzieren und die Umsetzung beschleunigen.

Der Wandel hin zu nachhaltigen Lösungen im Transport- und Logistiksektor ist gewaltig. Wie sieht Ihre Vision für die Branche in zehn Jahren aus?

In zehn Jahren wird der Transportsektor deutlich elektrischer, digitaler und enger mit dem Energiesystem verbunden sein. Laden wird dann weder ein Zusatz noch ein separates technisches Thema sein. Es wird zum täglichen Betriebsmodell jeder elektrischen Flotte gehören.

Software wird Fahrpläne, Abfahrtszeiten, verfügbare Netzleistung, Energiepreise, Batteriespeicher und erneuerbare Erzeugung kontinuierlich aufeinander abstimmen. Depots werden zu intelligenten Energie-Hubs, und die Infrastruktur wird so ausgelegt sein, dass sie sich an wachsende Flotten anpassen kann.

Vor allem sollte sich elektrischer Transport dann nicht mehr wie ein besonderes Nachhaltigkeitsprojekt anfühlen. Er sollte schlicht die zuverlässige und wirtschaftlich attraktive Art sein, eine Flotte zu betreiben.

Wenn Sie auf die IAA TRANSPORTATION 2024 zurückblicken: Was war seitdem die bedeutendste Veränderung in Ihrem Unternehmen oder in der Branche insgesamt?

Vor zwei Jahren ging es in vielen Diskussionen noch um die grundsätzliche Machbarkeit. Heute wissen wir, dass elektrische Lkw und Busse funktionieren. Der Fokus hat sich auf Fragen der Skalierung verlagert: Wie elektrifiziere ich Hunderte Fahrzeuge? Wie steuere ich Energie intelligent? Wie halte ich den Betrieb zuverlässig aufrecht und sichere gleichzeitig wettbewerbsfähige Gesamtbetriebskosten?

Der Markt konzentriert sich heute wesentlich stärker auf operative Ergebnisse. Kunden fragen nicht mehr nur nach Kilowatt oder einzelnen Ladegeräten. Sie möchten verstehen, wie eine Lösung zu ihren Routen, ihren Depotabläufen, ihrem Netzanschluss, ihrem Servicemodell und ihren langfristigen Investitionsplänen passt.

Gleichzeitig konsolidiert sich der Markt. Wir sehen, wie sich Ladeinfrastrukturbetreiber, Infrastrukturanbieter und Technologieunternehmen zusammenschließen.

In den vergangenen Jahren haben wir unser eigenes Geschäft auf drei Regionen ausgerichtet: Europa, Nordamerika und Indien. In Nordamerika treten wir unter der Marke „Heliox, A Siemens business“ auf und verbinden damit die Größe und Stärke von Siemens mit der umfassenden Erfahrung von Heliox im Flotten- und Depotladen.

Siemens hat Heliox integriert und die Geschäftsbereiche zusammengeführt, um seine Position im Schwerlastladen zu stärken und das Wachstum in strategisch relevanten Märkten zu beschleunigen.

Gleichzeitig haben wir starke Forschungs-, Entwicklungs- und Fertigungs-Hubs aufgebaut. Dadurch können wir schneller entwickeln, zügiger auf Kundenanforderungen reagieren und Lösungen mit größerer Geschwindigkeit und Flexibilität auf den Markt bringen.

Wie verändert KI Ihr Unternehmen?

KI ist besonders dort nützlich, wo Komplexität und Datenmengen zunehmen. In der Ladeinfrastruktur kann sie Diagnosen, vorausschauende Wartung, Energieoptimierung und bessere operative Entscheidungen unterstützen.

Stellen Sie sich ein Depot mit Hunderten Fahrzeugen und Ladepunkten vor, die alle unterschiedliche Abfahrtszeiten, Batteriestände und Leistungsanforderungen haben. Das lässt sich nicht manuell optimieren.

KI und fortschrittliche Datenanalysen können helfen, Muster zu erkennen, potenzielle Probleme frühzeitig zu identifizieren und die verfügbare Energie intelligenter zu nutzen. Für mich ist der Nutzen von KI sehr konkret: höhere Verfügbarkeit, weniger unnötige Serviceeinsätze, niedrigere Betriebskosten und bessere Entscheidungen für unsere Kunden.

Wenn Sie der Branche auf der IAA TRANSPORTATION 2026 nur eine Botschaft mitgeben könnten, welche wäre das?

Die Technologie ist bereit. Jetzt brauchen wir Geschwindigkeit, Zusammenarbeit und Umsetzung. Wir müssen Fahrzeuge, Infrastruktur, Energie, Software und Service als ein Gesamtsystem planen.

Der nächste Schritt besteht nicht darin, weiter darüber zu diskutieren, ob es möglich ist. Der nächste Schritt ist, zu liefern.

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